Der Diktatur aufs Dach gestiegen

Als erstes fielen mir die Absperrzäune auf. Sie sicherten das staubige und fast vollständig beräumte Volksfestgelände und waren mit weißen Planen behängt. Darauf warben wie Kinderbuchillustrationen anmutende Zeichnungen für das gerade zu Ende gegangene Nürnberger Volksfest - mit farbenfrohen Bildern gut gelaunter Menschen mit Bierkrügen und Lebkuchen. Dann nahm ich dahinter den riesenhaften Rundbau der nie vollendeten nationalsozialistischen Kongresshalle wahr.

 

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

 

Die Architektur: Der 2012 verstorbene österreichische Architekt Günther Domenig gewann 1998 einen internationalen Architekturwettbewerb für die Gestaltung des Dokumentationszentrums. Seinen Entwurf bestimmt ein Konglomerat mehrerer sehr unterschiedlich geformter architektonischer Körper, das in einen der beiden historischen Kopfbauten der Kongresshalle eingefügt ist und dessen Struktur dadurch aufzulösen scheint. Herzstück der neuen Konstruktion ist ein mehr als 100 m langer begehbarer gläserner Riegel, der den Kopfbau wie ein Pfeil diagonal durchbohrt. Nichts an der neuen Architektur ist rechtwinklig. Die Materialien des Neubaus (Stahl, Glas, Beton) kontrastieren – bewusst - mit den historischen Baustoffen (Granit und Ziegel).

 

Die Dauerausstellung: „Faszination und Gewalt“ ist der Titel der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum. Die Ausstellung ist hervorragend gestaltet und multimedial im besten Sinne des Wortes, ohne medial zu überfrachten. So ist unter anderem eine kommentierte Version von Leni Riefenstahls Propagandafilm „Triumpf des Willens“ zu sehen, die die Manipulation des Zuschauers durch filmische Mittel wie Schnitt und Kameraführung verdeutlicht. Man kann sich Dokumentaraufnahmen vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess anschauen. Und es gibt Aufnahmen sogenannter „Nürnbergfahrer“, also von Menschen, die voller Begeisterung zu einem der Reichsparteitage fuhren.

 

Sehr nachdenklich stimmt die Installation „Das Gleis“, die seitlich vom gläsernen Riegel abzweigt und auf eine alte Ziegelwand führt: Man sieht auf Eisenbahnschwellen verlegte Lichtschienen. Anstelle von Gleisschotter bildet eine Unmenge kleiner Kärtchen mit den Namen Deportierter das Gleisbett.

 

Eine der Sonderausstellungen: Ich besuchte die Fotoausstellung „KZ überlebt“ mit 60 großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts von Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Aufgenommen hat sie über einen Zeitraum von mehreren Jahren der Fotograf Stefan Hanke. Zu jedem Foto gibt es neben Angaben zu dem jeweils porträtierten Menschen und dem Aufnahmedatum auch Erläuterungen zum Aufnahmeort, ein Zitat des Porträtierten und eine Erwähnung der Lager, in denen sie waren. Dass es sich bei ihren Leidensorten tatsächlich um eine Aufzählung handelte, war für mich erschütternd. – Mir war zuvor nicht bewusst gewesen, dass Menschen in vier, fünf verschiedenen Lagern gewesen waren!

 

Eine Geländeerkundung

 

Ich nahm an zwei – sehr empfehlenswerten – Führungen teil: einer Führung auf das Dach der Kongresshalle und einer öffentlichen Begehung des Geländes. Die Französin Nadège Hungerecker lebt seit 14 Jahren in Deutschland und führt für den Verein „Geschichte für alle“ Besucher über das Gelände. Sie entschuldigte sich gleich zu Beginn der Führung auf das Allersympathischste - mit einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Akzent - für eventuelle Deutsch-Fehler, die ihr dann gar nicht unterliefen.

 

Auf dem Dach der Kongresshalle: Nur im Rahmen einer Führung mit begrenzter Teilnehmerzahl ist es möglich, auf das Dach der Kongresshalle zu gelangen. Und wenn man die 200 Stufen nach oben gestiegen ist, erfährt man, dass noch 30 m an der ursprünglich geplanten Höhe fehlen! Doch selbst aus 40 m Höhe ist die Aussicht überragend. Man blickt auf die gesamte U-Form der Kongresshalle und ihre Kopfbauten. Man blickt hinunter auf den gläsernen Riegel des Dokumentationszentrums. Man blickt über den Dutzendteich zur Zeppelintribüne, die sich aufgrund ihrer hellen Muschelkalksteinverkleidung gut vom umgebenden Grün abhebt. Man blickt auf die Nürnberger Altstadt. Und man hat eine fantastische Fernsicht.

 

Die Begehung des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes: Hier fanden von 1933 bis 1938 jährlich die sogenannten Reichsparteitage der NSDAP statt. Bei dieser Geländebegehung ist ein gewisses Mindestmaß an Kondition erforderlich, denn die zurückzulegenden Strecken sind nicht unerheblich. Die wichtigsten Stationen dieser Begehung sind die Kongresshalle, die Zeppelintribüne und die Große Straße.

 

Die Kongresshalle sollte Platz für 50.000 (!) Menschen bieten und nur einmal im Jahr – eben während der Reichsparteitage - genutzt werden. Als architektonisches Vorbild diente das Colosseum. Der im Erdgeschoss an der Außenseite der Kongresshalle verlaufende Arkadengang erinnert an einen Kreuzgang. Seine Abmessungen sind gigantisch, Lieferfahrzeuge können ihn bequem befahren. In der Kongresshalle befinden sich heute das Dokumentationszentrum, etliche Lagerräume - beispielsweise für die Verkehrsschilder der Stadt Nürnberg - und die Spielstätte der Nürnberger Symphoniker.

 

Das Zeppelinfeld bot nationalsozialistischen Massenaufmärschen mit bis zu 200.000 Menschen Platz. Als Vorbild für die Zeppelintribüne wählte der Architekt Albert Speer den Pergamonaltar. Im Inneren der Tribüne befindet sich der "Goldene Saal", von dem aus ein direkter Zugang zur Vorderseite der Tribüne mit der sogenannten Führerkanzel möglich war. Zum Abschluss eines geführten Rundgangs über die Zeppelintribüne besichtigt man diese Innenräume.

 

Seit einigen Jahren verfällt die Zeppelintribüne aufgrund von Baumängeln und eindringenden Wassers immer mehr. Die Stadt Nürnberg versucht, den Verfall aufzuhalten und muss allein für die Notsicherung bis zu 100.000 Euro pro Jahr aufbringen. Eine Generalsanierung scheint derzeit nicht finanzierbar zu sein.

 

Die Gigantomanie des Geländes: Als Mensch fühlt man sich hier winzig. Egal, ob auf der Großen Straße (sie ist 60 m breit, 1,5 km lang, war als Aufmarschstraße der Nationalsozialisten geplant und ist heute Nürnbergs größter Parkplatz), inmitten der Arena der unvollendeten Kongresshalle oder auf dem Zeppelinfeld, der menschliche Maßstab fehlt. Eindrucksvoll führt Frau Hungerecker uns dies bei den Türdurchgängen der Kongresshalle vor: Bei einer lichten Höhe von 5 Metern erscheinen selbst kräftige Zwei-Meter-Männer winzig. Hier wurde nichts für den Menschen gebaut, sondern um ihn klein zu machen und klein zu halten.

 

Auch spürt man die übertriebene Riesenhaftigkeit der Anlage in den Beinen. Allein die Umrundung des Zeppelinfeldes ist für manch einen schon ein ausgewachsener Nachmittagsspaziergang. Bei einzelnen Teilnehmern unserer sonntäglichen Begehung gab es deutliche Ermüdungserscheinungen und sogar einen konditionsbedingten Tour-Abbruch.

 

Das Leben als Kontrapunkt

 

An diesem sommerwarmen Septemberwochenende pulsierte auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände das Leben. Auf dem Asphalt vor der Zeppelintribüne drehten Inline-Skater ihre Runden, andere spielten Hockey. Auf der Zeppelintribüne sonnten sich die Menschen und plauderten. Auf dem Dutzendteich - vor der Kulisse der Kongresshalle - waren etliche Segelboote und Tretboote unterwegs. Rund um den Teich wimmelte es von Spaziergängern und Radfahrern, und im beliebten Biergarten „Dutmann am Dutzendteich“ war kaum noch ein Platz zu bekommen.

 

Ich hatte mein Fahrrad dabei - eine gute Idee, um das Areal ausgiebig auf eigene Faust zu erkunden und verbrachte insgesamt eineinhalb Tage auf dem Gelände. Doch wäre ich gerne noch länger geblieben. Weder schaffte ich es, die zweite Sonderausstellung im Dokumentationszentrum zu besuchen, noch war ich im Burger King Restaurant auf der Regensburger Straße. Nicht, um dort zu essen, sondern um das Gebäude zu besichtigen. Es handelt sich um das ehemalige Umspannwerk, das einst für die Stromversorgung des Reichsparteitagsgeländes gebaut worden war.

 

Der Titel der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum „Faszination und Gewalt“ bringt sehr treffend die Ambivalenz zum Ausdruck, der man als Besucher auch heute noch unterworfen ist. Bei aller Gigantomanie und dem Wissen um das von den Nazis verursachte millionenfache Elend kann man sich einer gewissen Faszination des Ensembles nicht entziehen.

 

Links

Stadt Nürnberg, Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände: museen.nuernberg.de/dokuzentrum

Stadt Nürnberg, Geländeinformationszentrum Ehemaliges Reichsparteitagsgelände: www.kubiss.de/reichsparteitagsgelaende

Geschichte für alle e.V., Institut für Regionalgeschichte: www.geschichte-fuer-alle.de

Photographie Stefan Hanke: stefanhanke.com/projekte/kz-ueberlebt/