Auf dem Jakobsweg zu Fuß durch Sachsen: So schön kann langsam sein (Teil 2)

Leipzig hat mich schon zu DDR-Zeiten fasziniert, und das, obwohl ich nie Messebesucherin war: Bei meinen zahlreichen Kurzaufenthalten zogen mich die Antiquariate der Stadt besonders an. Im Teehaus an der Thomaskirche war ich gerne zu Gast – damals, als ich Tee noch dem Kaffee vorzog. Und gelegentlich hat mich eine Ausstellung nach Leipzig gelockt. Ich erinnere mich an eine Man-Ray-Fotoausstellung, zu der ich als ganz junge Studentin an einem bitterkalten Wintertag Mitte der 80er Jahre fuhr. Aber das soll hier kein Hohelied auf Leipzig werden, sondern – wenn überhaupt – auf den Weg dorthin. Und der ist spannender, als man denkt.

 

Datum: 03.02.2016, Strecke: Königsbrück - Schönfeld, Entfernung: 17 km, Wetter: 5°C am Morgen, zeitweilig bewölkt, zeitweilig sonnig, Befinden: voller Elan

Nachdem ich meine sommerliche Pilgertour in Königsbrück beendet hatte, setzte ich nun genau hier fort. Ich besuchte zunächst die Hauptkirche, diesmal war der Küster nicht da, niemand sang ein Lied für mich. Irgendwie schade! Danach lief ich zielgerichtet zum Architekturmodellbau Königsbrück. In der Ausstellung wird Baukunst entlang der Via Regia, der königlichen Straße, präsentiert. An deren Verlauf orientiert sich der Ökumenische Pilgerweg. Ich war an diesem Mittwochvormittag die einzige Besucherin. Daher genoss ich meine persönliche Führung durch Ausstellung und Werkstatt und die Möglichkeit, den Mitarbeitern bei ihrer Arbeit zuzuschauen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

 

Weiter ging es durch die Laussnitzer Heide nach Tauscha. Leider war das kleine Dorfkirchlein, in dem sich eine Skulptur des heiligen Jakobs befindet, verschlossen. Doch an der Tafel am Eingang zum Kirchhof hing eine Liste mit Telefonnummern dreier Personen, die man wegen des Schlüssels kontaktieren konnte. Schon beim zweiten Anruf hatte ich Glück. Die freundliche Frau war nach zehn Minuten da und ließ mich in die Kirche. Durch eine Glasscheibe konnte ich den heiligen Jakob betrachten. Auch den Kirchturm durfte ich besteigen und einen Blick aus nächster Nähe auf die Glocken werfen.

 

Bei dieser Gelegenheit stellte ich dann fest, dass eine Nachricht auf meiner Mailbox war. Das Handy hatte ich bis zu meiner Suche nach einem „Schlüsselgewaltigen“ abgeschaltet. Und tatsächlich wollte ein Kunde ein Angebot von mir. So sehr mich das freute, es riss mich schon am ersten Tag einige Zeit aus meinem meditativen Alleinsein heraus und das deutlich länger als die Dauer des nun folgenden Telefonates. Kleine Störung, große Wirkung. Also schnell wieder das Handy ausgeschaltet.

 

Nachdem ich im kleinen Laden in Tauscha noch etwas Pilgeressen gekauft hatte - zwei Bananen und ein Snickers - setzte ich meinen Weg fort: Zunächst ging ich an Feldern entlang - am Horizont immer die Rauchschwaden der Chemiefabrik von Nünchritz vor Augen. Dann folgte ich dem Pilgerweg unter der Autobahn hindurch und an Thiendorf vorbei, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nur aus der Perspektive eines auf der Autobahn dahinrasenden Fahrzeugs kannte.

Raststätte Thiendorf aus Pilgerperspektive

Schließlich erreichte ich den Zielort meines ersten Pilgertages: Schönfeld. Die Pilgerherberge ist im Schloss untergebracht, dessen Anfänge ins 13. Jahrhundert zurückreichen und das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder um- und ausgebaut wurde. In mein Nachtquartier gelangte ich vom Schlosshof aus durch eine alte, hölzerne Rundbogentür mit schmiedeeisernen Beschlägen. Direkt dahinter führte ein steiler, oben leicht gewendelter Treppenlauf aus Naturstein zu einem kleinen Raum mit WC und Waschbecken. Eine Dusche gab es nicht, aber warmes Wasser aus dem Boiler. Nebenan boten zwei Schlafräume sieben Pilgern Platz. Das Ganze war spartanisch und erinnerte mich an eine meiner Vor-Wende-Studentenbuden. Die Räume waren ausgekühlt, aber die Heizung funktionierte tadellos, als ich die Heizkörper aufdrehte. Dennoch hatte ich das Gefühl, es wurde nicht recht warm in den alten Gemäuern, so dass ich schon vor Acht in meinen Schlafsack kroch.

 

Datum: 04.02.2016, Strecke: Schönfeld – Skassa, Entfernung: 20 km, Wetter: Schneeregen am Morgen, ganztägig sehr windig und grau, zeitweilig starker Regen von vorne, Befinden: na ja siehe Wetter)

Am Morgen verließ ich Schönfeld und machte mich wieder auf den Weg. In Quersa sprach mich ein älterer Herr an, der gerade vom Bäcker kam: „Wie kommen Sie denn auf die Idee, im Winter hier lang zu pilgern? Haben Sie nichts Besseres zu tun? Müssen Sie nicht arbeiten? Sie sind doch noch nicht in Rente…“ Der letzte Satz traf mich besonders, weil darin ein vages, unausgesprochenes „oder?“ mitschwang. Grrrrrrrrrrrrr!

 

Die letzten Kilometer vor Großenhain ging es nur schnurgeradeaus am Röderneugraben entlang, einem kanalartig anmutenden Gewässer. Die ganze Zeit hatte ich die Silhouette der Stadt bereits vor Augen, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich sie erreichte. Es war kalt, sehr windig, es regnete, und der Wind trieb mir den Regen ins Gesicht. Die Gegend wirkte trist. Das war der Moment, da ich mich fragte, ob es eine gute Idee gewesen war, im Winter zu pilgern. Andererseits waren auf diesem unwirtlichen Abschnitt alle Alltagssorgen von mir abgefallen. Als ich endlich Großenhain erreichte, war ich durchnässt und durchgefroren. Da musste zunächst einmal eine große Schüssel Gulaschsuppe bei einem Fleischer im Ort etwas Energie und Wärme spenden. Doch die Suppe allein genügte mir nicht, ich ging noch in ein benachbartes Café, um bei einem Latte Macchiato und einem Stückchen Kuchen die Speicher wieder aufzufüllen. Nachdem auch meine Kleidung wieder halbwegs trocken war, war ich bereit für Großenhain! Und ich wurde überrascht – positiv.

 

Mit einer jungen Frau, die ich nach dem Weg fragte, kam ich ins Gespräch. „Was, Sie laufen von Dresden nach Leipzig zu Fuß? Sie sind ja verrückt.“ sagte sie. Das klang bei ihr aber ganz nett, vielleicht sogar ein wenig anerkennend. Vom Jakobsweg und seinem Verlauf durch Großenhain hatte sie noch nie gehört. Daraufhin zeigte ich ihr die Wegmarkierung mit der Jakobsmuschel.

In Großenhain

Vorbei an der Kleinraschützer Heide erreichte ich Skassa. Die Pilgerherberge war im Pfarrhaus untergebracht. Zwar war die Heizung gerade kaputt (der Monteur sollte erst am nächsten Morgen kommen), aber das alte Pfarrhaus und die Pilgerzimmer hatten Charme. Da hatte sich jemand Mühe gegeben, jedem Raum eine individuelle Note zu verleihen. Selbst das WC war in kräftigen Rottönen angestrichen, hübsch dekoriert, und ein kleines Bücherbord gab es auch. Alte Türen mit Kastenschlössern und verwinkelte Gänge taten ein Übriges. Ein Radiator spendete die nötige Wärme in meinem Pilgerzimmer.

 

In Skassa machte ich Bekanntschaft mit Adam Friedrich Zürner, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts einige Jahre in Skassa gelebt hatte. Er war zunächst Pfarrer, dann Hofgeograph und Landvermesser. Berühmt geworden ist er durch eine Kutsche, die als Messwagen fungierte, sodass er mit ihr große Teile Sachsens vermaß. Infolge dessen wurden die Postmeilensäulen errichtet. Daher wurde Zürner auf einem Wegweiser auch als „Vater der sächsischen Postmeilensäulen“ bezeichnet. Wow!

 

Datum: 05.02.2016, Strecke: Skassa - Strehla, Entfernung: 24 km, Wetter: zeitweilig bewölkt, zeitweilig sonnig, Regen am Abend, Befinden: wechselhaft

Heute nun musste ich von der klassischen Pilgerstrecke abweichen und eine Wegvariante wählen. Grund dafür war, dass der eigentliche Pilgerweg über Glaubitz und Zeithain bis Lorenzkirch führt, wo man mit der Fähre nach Strehla übersetzen muss. Diese verkehrt im Winter jedoch nicht. Bei der Wegvariante läuft man nach Merschwitz und dann an der Elbe entlang. Gleich zu Beginn geht man auf einem schönen alten Treidelpfad aus Naturstein. Diesen nutzten bis ins 19. Jahrhundert die Schiffszieher, die die Schiffe stromaufwärts zogen. (Alle Radfahrer bitte ich schon jetzt um Verzeihung, dass ich diesen Weg als „schön“ bezeichne. Ich bin mir bewusst, dass der Belag, ein Wildpflaster, der Albtraum eines jeden Radfahrers ist.) Später passierte ich Nünchritz, dessen Antlitz von der Chemiefabrik geprägt wird, pilgerte weiter bis Riesa und querte dort die Elbe über eine vielbefahrene Brücke.

An der Elbe: Blick auf Nünchritz

Nach einem kurzen Rundgang durch die Altstadt von Riesa (Ja, Riesa besitzt eine Altstadt!) setzte ich meine Wanderung nach Strehla fort. Ich hatte mich in der dortigen Pilgerherberge im Pfarrhaus telefonisch angekündigt und man versprach mir, ausnahmsweise die Tür zur Herberge offen zu lassen, da die Kanzlei abends nicht besetzt sei. Als ich am Nachmittag die Pilgerherberge erreichte, kam es, wie es kommen musste: Die Tür war verschlossen. Ich wählte die Telefonnummer der Frau, die einen Schlüssel haben sollte. Die Ansage auf ihrem AB ernüchterte mich: Sie sei erst gegen 19:30 Uhr zurück. Das hieß für mich, noch drei Stunden zu warten. Es war windig und kalt, und nun hatte es auch noch begonnen zu regnen. Den Versuch, mich in Schlafsack und Iso-Matte gehüllt unter den (wirklich sehr kleinen!) Dachüberstand zu setzen, gab ich bald auf, da ich feststellte, dass ich das keine drei Stunden aushalten würde. Nass und durchgefroren bat ich im Hotel Ambiente um Unterschlupf bis 19:30 Uhr. Der Chef erbarmte sich meiner, spendierte mir einen Tee, und die Frau mit dem Schlüssel kam dann doch eher als angekündigt. Was für eine Freude!

 

Datum: 06.02.2016, Strecke: Strehla - Börln, Entfernung: 21 km, Wetter: zeitweilig bewölkt, zeitweilig sonnig, Befinden: oberflächlich betrachtet gut, unterschwellig besorgt wegen des Nachtquartiers

 

Der Morgen begann für mich mit einem wunderbaren Sonnenaufgang über der Elbe, den ich vom höher gelegenen Strehlaer Schloss aus erlebte. Von hier oben war die Elbe als weit geschwungener Bogen erkennbar, die Wasseroberfläche glänzte silbrig. Die Elbwiesen lagen noch im Dunst. Der Himmel hatte beherzt in seinen Farbkasten gegriffen und ließ mich nun an seiner Auswahl teilhaben. Stolz präsentierte er sich mit Farbnuancen, die vom kräftigen Orangerot bis ins zarte Hellblau reichten. Nach diesem Naturschauspiel folgte ein Besuch der Kirche von Strehla, die durch ihre tönerne Kanzel bekannt ist. Danach verließ ich Strehla über den windigen Liebschützberg mit seiner Bockwindmühle und gelangte nach Dahlen. Dort traf ich auf dem Marktplatz das Prinzenpaar des örtlichen Carnevalsclubs, das sich gerade zu einem Umzug fertig machte. Die gutgelaunten jungen Leute ließen sich bereitwillig fotografieren. Anschließend wollte ich dem Barockschloss Dahlen einen Besuch abstatten. Das Tor war verschlossen und die gesamte Anlage machte den Eindruck, als hätte das Schloss schon bessere Zeiten gesehen. Im Nachgang zu meiner Pilgerreise musste ich feststellen, dass das Schloss auch schon schlechtere Zeiten gesehen hatte: Es brannte zu DDR-Zeiten ab und war danach eine Ruine. Seit ein paar Jahren bemüht sich ein Verein, den weiteren Verfall aufzuhalten und Schloss und Schlosspark zu nutzen.

 

Den ganzen Tag über war ich unruhig, da noch unklar war, wo ich die nächste Nacht verbringen würde. Im Pfarrhaus zu Börln, das ich mir als nächste Unterkunft ausgesucht hatte, konnte ich telefonisch niemanden erreichen. Würde ich bei wildfremden Leuten um einen Schlafplatz bitten müssen? Aber, wie ich bei einem anderen Pilger gelesen hatte: Alles fügt sich! – Zu guter Letzt kam ich eben doch in Börln im Pfarrhaus unter.

Jakobsmuschel in Lampertswalde

Datum: 07.02.2016, Strecke: Börln - Machern, Entfernung: 25 km, Wetter: bedeckt, hin und wieder ein Fleckchen blauer Himmel, Befinden: sehr gut

Börln verließ ich über die Clara-Zetkin-Straße. (Bereits beim Ortsrundgang am Abend vorher, waren mir einige eher DDR-typische Straßennamen aufgefallen: Ernst-Thälmann-Platz, Karl-Marx-Straße, Otto-Nuschke-Straße.) Es war recht kühl an diesem Morgen, die Wiesen und das Laub waren reifbedeckt. Die Sonne war soeben aufgegangen, als ich kurz hinter Börln eine Windmühle, genauer: eine alte Holländermühle, passierte. Im weiteren Verlauf des Weges erblickte ich dann auch noch eine Bockwindmühle.

 

Was mir an Wurzen als Erstes auffiel, waren die vielen Reminiszenzen an den Kabarettisten und Schriftsteller Joachim Ringelnatz, der hier geboren wurde. Da gab es den Ringelnatz-Brunnen auf dem Marktplatz und viele kleine Stelen in der Altstadt, jeweils mit einem anderen Ringelnatz-Zitat versehen. Ein Augenoptiker nutzte eine Giebelwand, die mit einem Zitat von Ringelnatz nahezu vollständig bedeckt war, recht witzig für Werbezwecke: „Ich wollte von gar nichts wissen. Da habe ich eine Reklame erblickt, die hat mich in die Augen gezwickt und ins Gedächtnis gebissen.“ Mit jeder Zeile werden die Buchstaben kleiner - wie beim Sehtest.

 

Nicht ganz so offensichtlich, aber bei genauerem Hinsehen doch erkennbar, waren Wurzens Bezüge zur Jakobspilgerschaft. Insbesondere das Viertel um den Jakobsplatz zeugte davon, nicht nur wegen der Straßennamen, auch die im Pflaster des Platzes dargestellte Jakobsmuschel und die gepflasterten Entfernungsangaben nach Görlitz (195 km) und Santiago de Compostela (2.918 km) belegten dies. Der Dom zu Wurzen wurde im Inneren Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts umgestaltet. Von Georg Wrba stammen ausdrucksstarke Plastiken aus Bronzeguss. Insbesondere die Kreuzigungsgruppe im Altarraum ist mir in Erinnerung geblieben. Zudem hat Wrba eine neue Kanzel geschaffen, die sich durch ihre moderne, strenge Formgebung und das verwendete Material – ebenfalls Bronzeguss - vom gotischen Innenraum deutlich abhebt.

 

Ich verließ Wurzen und lief einige Zeit an einem Kanal entlang, bis ich die Mulde querte und Wurzen nur noch als Silhouette am Horizont wahrnahm. Diese Silhouette wird ganz wesentlich von den beiden Mühlentürmen geprägt, auch „Kekstürme“ genannt. Dom und Schloss hingegen erscheinen daneben so winzig, als wären sie in einem anderen Maßstab errichtet.

 

Im weiteren Verlauf des Weges fielen mir Hochwasserschutzanlagen auf und Hochwassermarken, die den Pegelstand der Mulde im Jahr 2002 markierten. Die Lage solcher Markierungen ist für mich immer wieder verblüffend! Schließlich erreichte ich Nepperwitz mit seinem hübschen kleinen Kirchlein: Innen weiß und auf den ersten Blick eher schlicht, nicht symmetrisch, da die beiden übereinanderliegenden Emporen nur auf einer Seite des Kirchenschiffes angeordnet wurden. Die andere Seite lässt Platz für den Eingang und für kleine Rundbogenfenster mit Bleiverglasung in kräftigen Farben. Bei meinem Besuch schien die Nachmittagssonne hindurch und ließ zarte, bunte Lichtflecken auf den Wänden entstehen. Die Verkleidungen der ansonsten weißen Emporen schmücken ganz in Braun- und Schwarz-Tönen gehaltene biblische Szenen. Vor einigen Jahren kam ein neuer Flügelaltar in die Kirche. Und der ist ein echter Blickfang! Der Leipziger Künstler Michael Fischer-Art schenkte der Kirchgemeinde ein Altarbild im Pop-Art-Stil. Anlass dafür war das Hochwasser der Mulde im Jahr 2002, das die Kirche schwer beschädigte. Der neue Altar war im Dorf zunächst umstritten, darf nun aber bleiben. Wer die Kirche besucht, sollte auch die aufwendig gestaltete Altarrückseite beachten.

 

Die letzte Nacht habe ich in einem Privatquartier verbracht, das gar nicht im Pilgerführer steht. Die Spende für die Übernachtung kommt dennoch der örtlichen Kirchgemeinde zugute. Die Unterbringung und das Frühstück waren prächtig. Am Abend hatte ich sogar noch Gelegenheit, mich mal zwei Stunden angeregt zu unterhalten, was ich nach fünf Tagen des Alleinseins durchaus genoss. Und weil meine Gastgeberin schon früh um 6:00 Uhr aus dem Haus musste, ließ sie mir ihren Haustürschlüssel da. So ein Vertrauen!

 

Datum: 08.02.2016, Strecke: Machern – Leipzig (Zentrum), Entfernung: 20 km, Wetter: bedeckt, hin und wieder ein Fleckchen blauer Himmel, Befinden: Leipzig, ich komme!

Als ich an diesem Tag das erste Mal die Silhouette von Leipzig wahrnahm (das MDR-Hochhaus, früher Uni-Turm, war gut erkennbar), hatte ich noch mehr als 15 km Fußweg vor mir. Bis zum Ortseingang führte mich der Pilgerweg durch flaches Land und meist recht uniforme Vororte mit Eigenheimsiedlungen. Die Einfallstraße nach Leipzig war mit Einkaufsmärkten und Werbetafeln gepflastert, das Erscheinungsbild austauschbar mit dem vieler anderer Städte. Viele Pilger bewältigen die letzten 9 km vom Stadtrand ins Stadtzentrum mit der Straßenbahn. Ich empfehle den Fußweg. Schön geht anders, aber aus dieser Perspektive nimmt man vieles bewusster wahr, das Eintönige und Hässliche ebenso wie die kleinen Schönheiten und Besonderheiten dieser Stadt. Schließlich begann die Wohngegend mit Gründerzeithäusern. Der Kontrast hätte größer kaum sein können, da standen wunderschön sanierte Gebäude neben ruinösen. Ein Anblick, den es in Dresden so wohl nicht mehr gibt.

In Leipzig

In Leipzigs Zentrum angekommen hatte ich nicht vor, noch einen längeren Stadtrundgang zu unternehmen. Aber zwei Dinge wollte ich näher betrachten - nach einem Kaffee und einem Stückchen Kuchen: die neue Universität Leipzig mit Augusteum und Paulinum und die Nikolaikirche. Das war für mich ein schöner Abschluss dieser Pilgertage! Und wenn ich dann meine Reise auf dem Pilgerweg fortsetzen werde, werde ich in Leipzig beginnen, und dort zunächst die Thomaskirche und das Teehaus nebenan, nunmehr Tee- und Kaffeehaus, aufsuchen.

 

Was folgte, war die Heimfahrt mit dem RegionalExpress nach Dresden und bei verschiedenen Unterwegshalten das freudige Erkennen: Ach ja, hier warst Du neulich!

 

Fazit

 

Pilgern im Winter war ganz anders als Pilgern im Sommer in der Oberlausitz: kälter (logisch!), obwohl die Temperaturen immer im einstelligen positiven Bereich lagen, sehr einsam, da ich in allen, wirklich allen Pilgerherbergen die erste Pilgerin des Jahres und auch die einzige war, wohingegen die letzten Gästebucheintragungen des Vorjahres bis kurz vor Weihnachten datierten. Diese Einsamkeit tat mir ganz gut, weil ich gedanklich mit mir selbst zu tun hatte. Ich hatte diesmal keinerlei gesundheitliche Probleme. Nur Muskelkater in den Beinen und etwas Rückenschmerzen vom Tragen des Rucksacks. Aber beides finde ich normal. Die Landschaft zwischen Königsbrück und Leipzig ist unspektakulär, zunächst noch bewaldet, dann flach und nur mit vereinzeltem Baumbestand. Ich musste das Besondere schon suchen. Aber genau dafür ließ mir das Pilgern Zeit und Raum. - Auch dieser Abschnitt des Ökumenischen Pilgerweges lohnt unbedingt gegangen zu werden!

Karte: Der Verlauf des Ökumenischen Pilgerweges (im Kasten: die beschriebene Tour)

 

Abbildung - Tagesetappen dieser Tour: Königsbrück – Schönfeld – Skassa - Strehla – Börln – Machern – Leipzig, Gesamtstrecke: ca. 130 km, Dauer: 6 Tage

 

Übernachtungen: Es gibt viele Pilgerherbergen entlang der Strecke. Für die Übernachtung wird meist auf Spendenbasis gezahlt. Üblich ist eine Spende von 5 – 10 EUR pro Person und Nacht. Man benötigt dazu einen Pilgerausweis, der für 2 EUR direkt beim Ökumenischen Pilgerweg e.V. erworben werden kann.

 

An- und Abreise: Im Stundentakt verkehrt die Städtebahn zwischen Dresden und Königsbrück. Dresden und Leipzig werden durch den RegionalExpress ebenfalls im Stundentakt verbunden.

 

Literatur

 

Der Ökumenische Pilgerweg durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. hrgsn. vom Ökumenischen Pilgerweg e.V. ISBN 978-3-9811156-4-2 (Preis: 12 EUR einschl. Pilgerausweis)

 

Im Internet: www.oekumenischer-pilgerweg.de

 

Wanderkarte: Ökumenischer Pilgerweg Görlitz – Vacha. Teil 1 Görlitz – Leipzig. ISBN 978-3-89591-152-1 (Preis: 7,90 EUR)