Mit zwo Ka-Emm-Ha nach Rügen: Erlebnis Freiwasser-Schwimmen

Das Vilm-Schwimmen ist ein Wettkampf für (fast) jedermann. Hierbei gilt es, den Rügischen Bodden von der kleinen Insel Vilm zur großen „Schwester“ Rügen zu durchschwimmen. Die Länge der Strecke: 2,5 km.

 

Anke Wolfert: Das Kleine Vilm-Schwimmen - ein Wettkampf für Kinder
Das Kleine Vilm-Schwimmen - ein Wettkampf für Kinder

Nach vier Stunden Autofahrt empfängt Stralsund meine beiden Mitstreiterinnen und mich mit seiner historischen Silhouette, die von einer Backsteinkirche dominiert wird. Der Wind formt das Wasser im Strelasund zu kleinen, zackigen, weiß bekrönten Wellenbergen. Bei blauem, nahezu wolkenlosem Himmel scheint die weithin sichtbare Rügenbrücke strahlend weiß zu sein. Wir nutzen diese Brücke, um vom Festland auf die Insel zu gelangen. Auf Rügen angekommen geht es zunächst auf der „Straße der Alleen“ entlang, dann durch „Die weiße Stadt“, Putbus, und schließlich hinein nach Lauterbach.

 

In unmittelbarer Nachbarschaft des Lauterbacher Hafens gibt es eine schöne große, relativ ebene Wiese. Diese steht den Teilnehmern am Vilm-Schwimmen zum Zelten zur Verfügung. Die technische Infrastruktur dieses „Campingplatzes“ ist – nun ja: übersichtlich. Sie besteht aus zwei Dixies. Aber die Wiese ist frisch gemäht und ihre Lage idyllisch. Sie ist nur durch einen schmalen Schilfgürtel vom Bodden getrennt, und sie verfügt über einen „privaten“ Zugang zum Wasser - ein Trampelpfad durchs Schilf. Es gibt kaum Mücken auf dem Zeltplatz, dafür etliche Fledermäuse. Und beim Aufbau des Zeltes erweist sich der vorsorglich mitgebrachte Hammer als völlig entbehrlich. Die Heringe lassen sich hervorragend per Hand in der Wiese versenken.

Anke Wolfert: Am Hafen von Lauterbach
Am Hafen von Lauterbach

Der nächste Morgen ist, was das Wetter betrifft, ein wirklich guter Morgen! Aber ich habe – vor Aufregung - kaum geschlafen und kann ihn nicht recht genießen. Kurz nach Zehn beginnen einige Boote, die 400 Teilnehmer des Wettkampfes schubweise nach Vilm zu fahren. Meine beiden Mitschwimmerinnen und ich nehmen gemeinsam mit ungefähr zehn anderen Startern auf der „Petra“ Platz, einem Marine-Boot. Ich sitze ganz hinten, sehe, wie die Gischt spritzt und wie sich Lauterbach immer weiter von uns entfernt. Die Fahrt mit dem Motorboot z-i-e-h-t sich. Ich bin schweigsam und habe sehr viel Zeit, über die Länge der Strecke nachzudenken. Mein Nachdenken gipfelt in der kongenialen Erkenntnis: Ganz schön weit!

Anke Wolfert: Während der Überfahrt von Rügen nach Vilm
Während der Überfahrt von Rügen nach Vilm

Dennoch gilt meine größte Sorge nicht der Entfernung. Immerhin kann man vom Startpunkt auf Vilm die Insel Rügen sehen und das Ziel in Lauterbach zumindest erahnen. Ich halte mich, was das Langstreckenschwimmen betrifft, konditionell für gut vorbereitet. Und die Zeit spielt eine absolut nachrangige Rolle für mich. Dennoch gebe ich eine Prognose ab und schätze, dass ich 1 Stunde und 20 Minuten brauchen werde. Eine lange Zeit für einen Aufenthalt in der Ostsee – ohne Neopren. Für den Wettkampf gilt nämlich eine strenge Kleiderordnung, die neoprenhaltige Badeanzüge nicht erlaubt. Folgerichtig sorge ich mich in erster Linie wegen der Kälte. Aber was kann ich dagegen tun?

 

Im Vorfeld des Wettkampfes hatte ich mir bereits Tipps aus einigen - mehr oder weniger vertrauenswürdigen - Quellen für den Umgang mit der Ostsee-Kälte eingeholt: Zwei Badekappen übereinander tragen. (Um nicht so viel Körperwärme über den Kopf zu verlieren.) Unter der vom Veranstalter gestellten Wettkampfbadekappe eine aus Neopren tragen. (Neopren auf dem Kopf sei – angeblich - erlaubt.) Vor dem Start etwas Heißes trinken. (Von innen aufwärmen.) Zwei Badeanzüge übereinander tragen. (Ob das was nützt?) Neoprenfüßlinge anziehen. (Auch hier stellt sich wieder die Frage der Zulässigkeit.) Den gesamten Körper dick mit Melkfett eincremen. (Da ist auch schon mal von zwei Dosen (!) Melkfett die Rede.)

 

Aus diesem bunten „Blumenstrauß“ an guten Tipps beherzige ich schließlich zwei: Ich trage zwei – normale – Badekappen übereinander, und ich verteile eine halbe Dose Melkfett auf meinem Körper. Nach dem Einfetten ist allerdings auch die Schwimmerbrille fettig und die Sicht durch sie ungefähr so gut wie durch eine Milchglasscheibe. Das erweist sich dann während der Bodden-Querung als äußerst nachteilig. Ich kann nämlich die mittels orangeroter und gelber Bojen markierte Strecke kaum erkennen. Und die Orientierung an vorausschwimmenden Startern fällt mindestens genauso schwer, da die meisten von ihnen eine blaue Badekappe tragen, die sich farblich noch viel weniger von der Umgebung abhebt als die großen, in kräftigen Farben gehaltenen Bojen.

 

Anke Wolfert: Kurz vor dem Start
Kurz vor dem Start

„Noch eine Minute bis zum Start“, ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Ich gleite vom Ponton ins Wasser. Es ist windstill und sonnig, das Wasser soll – so die Lautsprecherstimme - „knapp über 18 Grad warm sein“. Die Betonung liegt auf „warm“ - also beste Wettkampfbedingungen. Mein erster Eindruck im Wasser: Ist das kalt! Beim Training im heimischen Waldbad erschienen mir 18 Grad Wassertemperatur irgendwie „molliger“. Dann der Start. Sehr, sehr viele Kajaks und Rettungsboote begleiten uns. Die Veranstalter des Vilm-Schwimmens sind zu Recht stolz auf ihr ausgeklügeltes Sicherheitskonzept. Kurz nach dem Start nehme ich bereits unfreiwillig den ersten, kräftigen Schluck aus der Ostsee und bin tatsächlich ein ganz kleines bisschen überrascht, dass das Wasser salzig schmeckt. An das Freiwasser-Schwimmen im Meer bin ich eben überhaupt nicht gewöhnt.

 

Nach einigen Metern trägt mich eine von hinten kommende Ostsee-Woge davon, zum Glück in die richtige Richtung. Mitten im Bodden, ungefähr auf halber Strecke, wogt mir die Ostsee dann aber auf einmal ganz schön entgegen. Doch nicht so windstill und glatt wie erwartet! Schließlich der Zieleinlauf. Ich klettere die hölzernen Stufen aus dem Bodden ins Ziel hinauf, und in dem Moment spüre ich, dass mein Kreislauf ein klein wenig schlapp macht. Nach mehreren Bechern süßen Tees, einer Ruhestunde und einer richtig heißen Dusche im Duschzelt der Feuerwehr kann ich den Tag dann beschaulich ausklingen lassen. Noch während ich ruhe, höre ich den Stadionsprecher, wie er mehrmals die älteste Teilnehmerin würdigt, die gerade in den Zielbereich einschwimmt: „Frau Dr. Buhl, es ist uns eine Ehre!“ Elisabeth Buhl aus Bergen auf Rügen ist 81 Jahre alt und seit Jahren beim Vilm-Schwimmen dabei. Auch sie ist unter dem Zeitlimit von 120 Minuten geblieben!

 

Schließlich treffe ich meine beiden Mitstreiterinnen wieder, die mich bereits suchten. Wir holen uns zuerst einen Teller Erbseneintopf und dann eine Massage ab. Am Abend lassen wir es auf der Wiese vor dem Zelt küchen- und kochtechnisch richtig krachen: Es gibt Gabelspagetti vom Spirituskocher und Tomatensoße und Tee vom Gaskocher. Eine Packung geriebener Emmentaler rundet das Menü ab. - Wann, bitte schön, seit Kindertagen hat dieses Gericht jemals so wunderbar geschmeckt?

 

Nicht ganz ernst gemeinte Erkenntnis am Rande: Gabelspagetti heißen Gabelspagetti, weil man sie so gut löffeln kann!

 

Nach dem Essen folgt der üblicherweise nicht so beliebte Teil einer jeden Mahlzeit, sprich: der Abwasch. Doch selbst dieser wird heute für uns zum Ereignis. Knietief im Meerwasser stehend, das schmutzige Geschirr um sich herum auf der Ostsee schwimmend verteilt, spült eine meiner Mitstreiterinnen unser Geschirr ab und reicht es uns beiden am Ufer Stehenden dann zum (Luft-) Trocknen.

 

Auf dem Zeltplatz erhalten wir noch wertvolle Tipps von einer Schwimmerin aus dem Nachbarzelt. Sie empfiehlt fürs nächste Freiwasser-Schwimmen: Einfetten mit Einweghandschuhen. Das erscheint plausibel und bekommt der Sicht durch die Schwimmerbrille bestimmt gut. Außerdem solle man Hände und Unterarme nicht einfetten, sonst habe man keinen „Grip“ beim Schwimmen. Ob das allerdings in meiner Leistungsklasse eine Rolle spielt, ist fraglich.

 

Anke Wolfert: Ausklang - Ich genieße die Ostsee-Stimmung
Ausklang - Ich genieße die Ostsee-Stimmung

Übrigens: Ich war sogar etwas schneller als „zwo Ka-Emm-Ha“. Ich benötigte rund 1 Stunde und dreizehn Minuten für die 2.500 Meter. Der Sieger des diesjährigen Vilm-Schwimmens blieb bemerkenswerterweise unter der 30-Minuten-Marke, war also mehr als doppelt so schnell wie ich und mit rund 5 km/h wesentlich flotter unterwegs als jeder durchschnittliche Fußgänger!

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    ines (Sonntag, 03 September 2017 22:19)

    Super!!!