Merk-Würdiges auf dem Jakobsweg III: Kompromisse im Raucheridyll

Das habe ich nun davon! - Bereits der erste Anruf in der Pension hätte mir zu denken geben müssen. Die Raucherinnenstimme am Telefon meinte, sie könne mir nicht sagen, ob am Abend ein Zimmer frei sei. Das wisse nur der Chef, und der sei nicht da. Ich solle am späten Vormittag erneut anrufen. Das tat ich dann auch. Wieder meldete sich eine Raucherinnenstimme, eine andere diesmal. Ja, ich könne ein Zimmer bekommen – für Dreißig Euro. Gut, sagte ich, das nehme ich.

 

Nach langem Fußmarsch erreiche ich mein Tagesziel, eine sächsische Kleinstadt. Das Stadtzentrum ist am sommerlichen Samstagnachmittag im Oktober erstaunlich leer. Es gibt Plattenbauten, ein paar restaurierte historische Gebäude und ein leerstehendes Kaufhaus. Mir fallen getunte Autos auf, tiefergelegt mit blauen Heckleuchten und mit jungen Männern am Steuer.

 

Auf den ersten – zugegebenermaßen oberflächlichen – Blick scheint es, als sei die Wende hier zwar vorbeigekommen, habe aber nicht lange Station gemacht. In offiziellen Verlautbarungen heißt es, der Strukturwandel sei noch im Gange.

 

Auf der Suche nach meiner Schlafstätte durchquere ich das Städtchen kilometerweit, die Adresse der Pension ist zunächst nicht zu finden. Auch Herr Dr. Google leitet mich fehl. Ich befrage mehrere Passanten. Die erste Einheimische, die ich anspreche, ist eine sehr junge Frau, vielleicht noch Schülerin. Sie sagt, nach der Pension hätte man sie schon öfter gefragt. Bei diesem Satz hüpft mein Herz erwartungsfroh in die Höhe. Und schlägt nur einen Augenblick später hart auf dem Asphalt auf. Als die junge Frau ergänzt, sie kenne die Pension nicht. Der zweite, den ich anspreche, ist ein Herr in den Dreißigern, der gerade seine Einkäufe aus dem Auto entlädt: Er könne mir nicht behilflich sein, er sei neu in der Stadt und gerade aus dem Vogtland hierher gezogen.

 

Als ich bereits ziemlich entnervt bin, immerhin habe ich bereits fast 30 km Fußweg hinter mir, sehe ich an der Straße einige dieser grünen Hinweisschilder, die die Autofahrer auf Hotels und Pensionen hinweisen. Eines davon ziert der Name meiner Pension. Ich befürchte zwar, dass die Ausschilderung für Fußgänger einen Umweg darstellt, beschließe jedoch mangels Alternative, dem Hinweis zu folgen. Die grünen Schilder leiten mich vom Stadtzentrum weg, durch die hiesige Bahnhofsgegend und auf deren der Stadt abgewandte Seite. Es geht ein paar hundert Meter parallel zum Bahndamm an einer Schnellstraße entlang. Schließlich zweigt ein Fahrweg von der Schnellstraße ab, führt mich zwischen einigen in die Jahre gekommenen Lagerschuppen hindurch und zu zwei direkt übereinander angebrachten bunten Werbetafeln: „Casino, Spielothek – Neueste Geräte mit Topgewinnen“ verkündet die erste und „Pension mit Bauernstube für Familien- und Geschäftsfeiern jeglicher Art“ die zweite.

 

Glückwunsch, Sie haben Ihr Ziel erreicht!

 

Casino und Pension haben denselben Besitzer und sind in ein und demselben Gebäude von der Größe eines Zweifamilienhauses untergebracht, ein Eingang links, ein Eingang rechts. Der Eingang zur Pension ist verschlossen, ich benutze den zum Casino und stehe alsbald in einer völlig verqualmten Spielautomatenhölle. Ein einsamer Spieler sitzt auf einem Hocker und versucht sein Glück. Und eine Barfrau, die ausschaut, als bessere sie durch diesen Job ihre Rente auf, bereitet hinter dem Tresen gerade frischen Kaffee. Ich begrüße sie und frage nach dem telefonisch reservierten Zimmer. Als sie antwortet, erkenne ich die zweite der beiden Raucherinnenstimmen wieder.

 

Das Zimmer, das sie mir zeigt, ist ein Zweibettzimmer und stinkt nach Zigarettenrauch. Ich frage nach einem anderen Zimmer. Das nächste, ein Dreibettzimmer, ist kalt, riecht aber frisch. Das nehme ich.

 

Bezahlen muss ich im Voraus. Einen finanzamtstauglichen Beleg erhalte ich nicht: Die Mehrwertsteuer ist nicht ausgewiesen und ob ein Frühstück im Übernachtungspreis enthalten ist, ist auch nicht erkennbar. Aus diesem Zettel geht nicht viel mehr hervor, als dass irgendjemand für irgendetwas von mir dreißig Euro bekommen hat. Ich frage nach einem Stempel: „Den Stempel hat der Chef.“ Und der ist nicht da.

 

Natürlich gibt es auch kein Frühstück in der Pension. Die Raucherinnenstimme meint: „Die meisten Gäste gehen zum Frühstück lieber in die Stadt.“

 

Zunächst möchte ich heiß duschen. Dusche und WC befinden sich auf dem Flur und werden von den Gästen mehrerer Pensionszimmer gemeinsam benutzt. Die Raucherinnenstimme weist mich darauf hin, dass es ein bisschen dauern könne, bis das Duschwasser warm wird. Ich lasse es so lange laufen, dass man einen mittelgroßen Pool damit befüllen könnte. Mit jedem Liter schwindet ein Stückchen meiner Hoffnung. Doch schließlich wird das Wasser warm.

 

Die Heizung in meinem Zimmer leider nicht. Diesen Mangel möchte ich nachgebessert haben. Ich gehe zur Rezeption, hier also zum Tresen mitten in der Spielothek. An den Automaten sind inzwischen zwei Pärchen um die Zwanzig hinzugekommen. Und auch die Schicht am Tresen hat gewechselt. Die Bardame, die nun Dienst hat, ist die andere Raucherinnenstimme vom Telefon und ebenfalls an der Grenze zum Rentenalter. Auf welcher Seite dieser Grenze ist mir nicht klar. Als ich mein Heizungsproblem schildere, sagt sie, bei ihr zu Hause sei das auch so, dass die Heizung nicht anspringe, draußen sei es eben noch zu warm. Ich nerve noch eine Weile. Schließlich macht sie mir ein Zugeständnis und sagt, sie käme gleich zu mir ins Zimmer und würde sich das mit der Heizung anschauen.

 

Ich begebe mich in mein Zimmer und warte. Ich warte ziemlich lange. Im Laufe des Abends gebe ich das Warten auf, ziehe mir einen zweiten Fleecepulli über und wickle mich mit der - sauberen - Bettdecke ein.

 

Ich vermute, dass vorwiegend Monteure in der Pension unterkommen und das sicher nur werktags. Da es Samstagabend ist, gehe ich davon aus, dass keine weiteren Gäste im Hause sind. Als ich mich - nach einem notgedrungen vor dem Fernseher verbrachten Abend - gegen halb elf schlafen lege, werde ich eines Besseren belehrt: Ungefähr einen Meter von meinem rechten Ohr entfernt und vermutlich nur durch eine Spanplatte getrennt höre ich jemanden zufrieden schnarchen. Das ficht mich nicht an. Als Schlafsaalerprobte habe ich Ohropax dabei.

 

Meine größte Befürchtung, die Casino-Gäste würden mir den Nachtschlaf rauben, bewahrheitet sich nicht. Am nächsten Morgen, bin ich um sieben wach, der Schnarcher neben mir klingt genauso zufrieden wie am Vorabend.

 

Mit meiner Morgentoilette bin ich schnell fertig. Dem Schnarcher möchte ich nicht begegnen. Ich vermute, wir sind die Einzigen im Haus. Ich nehme ein Notfrühstück zu mir: Eine Handvoll Schmelzflocken mit ein paar getrockneten Cranberries, die ich mit etwas kaltem Leitungswasser zu einem leicht klebrigen, aber sättigendem Brei vermenge. Dann packe ich meinen Rucksack und verlasse die Pension. Als ich die Treppen zum Ausgang hinabsteige, stelle ich fest, dass alle Treppenhausfenster sperrangelweit offenstehen. Ein Willkommen allen Nachtgästen oder das übliche Zigarettenrauchbekämpfungsprogramm? Ich werfe meinen Zimmerschlüssel in den Briefkasten und bin weg.

 

Es ist Sonntagmorgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in diesem Kaff (Pardon! Denn es handelt sich um eine Große Kreisstadt.) zu dieser Uhrzeit irgendwo einen genießbaren Kaffee gibt. Also entsage ich meiner Sucht und mache mich auf zur nächsten Tagesetappe. Nach fünf Kilometern Fußweg bekomme ich mitten im Wald meinen Kaffee. Geschenkt.

 

Aber das ist bereits eine neue Geschichte.