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Auf der Suche nach den Seefrauen: Unterwegs auf Südkoreas größter Insel

Es begann am Potsdamer Platz! - Im August letzten Jahres, da hatten wir (meine Freundin und Kollegin Kerstin und ich) unsere Reise nach Südkorea bereits durchgeplant, besuchte ich das Koreanische Kulturzentrum in Berlin. Eine kleine Ausstellung widmete sich den „Haenyeo – Frauen, die mit dem Meer leben“. Diese „Seefrauen“ tauchen seit Jahrhunderten „apnoe“, also ohne Atemgeräte, nach Meeresfrüchten – insbesondere nach Abalone. Die meisten aktiven Taucherinnen sind zwischen 60 und 80 Jahren alt. Da der Nachwuchs fehlt, ist ihre Tauchkultur vom Aussterben bedroht. Im Jahr 2016 fand selbige Eingang ins immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO.

Oktober 2025 – Südkorea, Insel Jeju

Gerüchteweise hatten wir gehört, dass nahezu jedes Küstendorf auf Jeju über eine Haenyeo-Community verfügen soll. Konkrete Informationen, wann man wo Haenyeo sieht, sind im Internet dünn gesät und oft nur auf koreanisch. Und auch der „Lonely Planet“ ist sparsam mit Hinweisen zu den Seefrauen.

Dennoch: Als wir dann auf Jeju sind, wollen wir Haenyeo sehen - am liebsten bei der Arbeit. Einen Plan haben wir nicht!

 

1. Tag der Suche

Am Morgen schaue ich auf meine Wetter-App und stelle fest, dass es heute 33 Grad und am morgigen Sonntag sogar 37 Grad heiß werden soll. Puuuh!

Wir beschließen, an die Ostküste zu fahren, in der Hoffnung auf etwas Kühle vom Meer und darauf, mit etwas Glück einen Blick auf die im Lonely Planet - ohne Uhrzeit - erwähnte Haenyeo-Show zu erhaschen. Die Autofahrt führt über Asphalt durch erstaunlich dicht besiedeltes Gebiet. Jeju hatte ich mir ländlicher vorgestellt. Vom Fahrersitz aus entdeckt Kerstin die Kulisse eines Stadions. Da müssen wir hin! Kerstin ist Fußballfan. Das Stadion ist verschlossen. Aus seinem Innern winkt ein Koreaner heftig. Er hat die Schlüsselgewalt und lädt uns auf ein paar Fotos ins Stadion ein. Wir setzen die Fahrt fort und erreichen gegen 15:00 Uhr unser heutiges Ziel, den Parkplatz am Fuße des Vulkankegels Ilchulbong (Sunrise Peak).

Der Sunrise Peak ist ein Touristenmagnet und die Massen strömen hinauf. Wir verzichten. Es ist warm und sonnig, und wir kaufen uns vorsichtshalber Sonnenhüte. Als ich sehe, dass es nur 25 Grad sind, stutze ich - und stelle fest, dass ich am Morgen die Wetterprognose für Jeju in Brasilien erwischt hatte.

Die Show der Haenyeo haben wir verpasst. Die begann bereits um 14:00 Uhr, sagt ein Schild vor Ort, und ist nun zu Ende. Dennoch ist die Bucht einen Besuch wert: Lavagestein, schwarzer Sandstrand, ein Imbiss, der von Haenyeo betrieben wird – und eine erschreckende Menge angeschwemmter Plastikmüll!

 

2. Tag der Suche

Heute sind wir in Hallim unterwegs, einer kleinen Stadt im Nord-Westen von Jeju. Auf der Suche nach den Haenyeo entdecken wir - insbesondere in Hafennähe - diverse Haenyeo-Skulpturen, Streetart mit Haenyeo-Motiven, eine Haenyeo-Schule (geschlossen, es ist Sonntag!) und ein Haenyeo-Restaurant (geschlossen, obwohl es offen sein müsste, meint google). Gegenüber vom Hafen befindet sich eine Menge niedriger Steinhäuschen. Wir finden, das „riecht“ hier förmlich nach Haenyeo-Siedlung. Allerdings können wir uns nicht vorstellen, einfach an einer Tür zu klopfen. Mittlerweile hat immerhin das Haenyeo-Restaurant geöffnet, und wir kehren ein. Wir sind die einzigen Gäste. Das Essen bereitet die Köchin-Kellnerin frisch zu und wir fragen sie, wann denn die Haenyeo da sind. Am Mittwoch. - Große Enttäuschung unsererseits: Am Mittwoch-Morgen sitzen wir schon im Flieger zurück nach Seoul.

Der Nachmittag hält dann eine wunderbare Überraschung für uns bereit – abseits matriarchalischer Tauchkultur: Spirited Garden - ein prächtiger Landschafts- und Bonsai-Park. Dort treffen wir zufällig seinen hochbetagten Gründer, der diesen Garten über Jahrzehnte entwickelt hat. Er strahlt eine faszinierende Ruhe und Güte aus und erweist sich zudem als Förderer der Völkerverständigung. Wieso? Weil sein Park etliche Treffen hochrangiger Politiker aus aller Welt gesehen hat.

 

3. Tag der Suche

Wir fahren mit dem Mietwagen quer über die Insel von Süd-West nach Nord-Ost zum Haenyeo-Museum. Im Eingangsbereich spricht uns eine Koreanerin an - auf Englisch. Sie führt für ihre Doktorarbeit Befragungen durch. Ob wir teilnehmen würden. Natürlich! Aber erst schauen wir uns das Museum an. Danach widmen wir uns ihrem sehr klugen Fragebogen. Wir plaudern noch ein bisschen, und die Doktorandin macht uns mit einem freundlichen Herrn bekannt, einem ehemaligen Beamten, der seit seiner Pensionierung Haenyeo-Geschichten schreibt. Wir erzählen von unserer Faszination für die Haenyeo und dass wir versuchen, welche zu treffen. Nach einem Hinweis auf die – touristischen – Vorführungen an der Ostküste (die wir vor zwei Tagen verpasst haben), ergänzt die Wissenschaftlerin, dass die Frauen aus der Familie des Schriftsteller-Beamten fast alle Haenyeo seien. Die könnten wir treffen. Vielleicht. Wie lange wir denn auf Jeju seien. (Nur noch einen weiteren Tag.) Wir tauschen Telefonnummern aus und wollen am Tag darauf voneinander hören. Plötzlich sagt Kani (die Doktorandin): „Tomorrow half past six“ und gibt uns eine Adresse. Haben wir jetzt einen Termin? - Ich bin euphorisch und überzeugt, morgen eine Haenyeo zu treffen. Kerstin bleibt skeptisch.

 

4. Tag der Suche

Es ist der Tag vor unserer Abreise von Jeju. Wir packen. Kerstin packt länger. Ich bin ganz zappelig in Erwartung eines Treffens mit einer Haenyeo. Um mich abzulenken, besuche ich einen Tempel in fußläufiger Entfernung von unserem Airbnb, entdecke ganz nebenbei einen spektakulär anmutenden Küstenwanderweg, der leider wegen Hochwasser gesperrt ist, und meine, den Hallassan, den höchsten Berg Südkoreas, aus der Ferne zu erblicken.

Dann gehen wir in einem nahegelegenen Restaurant Mittag essen, zu zweit, ein Essen, das für vier gedacht ist und für sechs reicht! Bis „half past six“ bleiben uns noch einige Stunden. Wir schnüren unsere Wanderschuhe und fahren in den Hallassan Nationalpark. Dort wählen wir den kürzesten der Aufstiege, wohl wissend, dass dieser nicht zum Gipfel führt, sondern zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man den Gipfel sehen kann. Besser: Könnte. Wenn da heute nicht die Wolken wären. Trotzdem, der Aufstieg durch den verwunschenen Wald hat sich gelohnt. Wieder am Auto angekommen sehnen wir beide uns nach einem Kaffee, aber dafür bleibt keine Zeit. Wir müssen zu den Haenyeo! - Noch hat niemand abgesagt.

Die Fahrt ins Örtchen Hado dauert eine Stunde. Kurz bevor wir den Ort erreichen, klingelt das Handy. Es ist die Doktorandin. Ein Schreck durchfährt mich und ich denke, bestimmt sagt sie jetzt ab. Nein, tut sie nicht. Sie fragt, ob wir kommen. (OB wir kommen???? NATÜRLICH!!!) Ich: „We are 5 minutes away“. Sie: „Ihr könnt uns nicht verpassen, wir stehen mitten auf der Straße und warten auf euch.“ Das ist dann auch so. Die Doktorandin und der Schriftsteller-Beamte erwarten uns. Mittlerweile ist es stockdunkel. Kani weist auf ein Häuschen mit Vorgarten und sagt: „Da drinnen warten zwei echte Haenyeo auf Sie.“

Über eine Stunde sitzen wir auf dem Fußboden in der guten Stube der einen Taucherin, trinken den typischen, süßen, koreanischen Instant-Kaffee aus Pappbechern und dürfen die beiden Taucherinnen befragen. Die eine ist die Chefin der örtlichen Haenyeo-Community, die andere ein langjähriges Mitglied. Beide sind über 70. Wir erfahren, wie die Apnoe-Taucherinnen ihre Zusammenarbeit organisieren, wie sie mit Risiken umgehen, was den Beruf attraktiv macht. Sie erzählen bereitwillig, und man spürt die Liebe zu ihrem Beruf. Kani dolmetscht zwischen koreanisch und englisch.

Das lange Sitzen auf dem Fußboden ist anstrengend für uns. Keine Rückenlehne. Und wohin mit den Beinen? Knien kann ich nicht so lange, Schneidersitz finde ich unpassend. Also strecke ich meine Beine aus und schiebe sie der Länge nach unter den niedrigen Tisch. Keine fremden Füße begegnen meinen. Gut so!

Der Instant-Kaffee schmeckt hervorragend. - Und wir, wir sind im Gespräch mit einem Welterbe!

Plötzlich geht alles ganz schnell: Kani wirkt etwas unruhig und ich denke, sie will bestimmt zu ihrer Familie. Der Schriftsteller-Beamte macht noch ein paar Fotos von uns fünf Frauen auf dem Sofa. Die eine Haenyeo setzt ihren Helm auf und fährt mit dem Moped nach Hause. Die andere bringt uns zum Auto.

Während der Heimfahrt (Kerstin sitzt am Steuer) frage ich sie, ob ich mal einen Brüller loslassen darf, mein Adrenalin muss raus. - Ich darf!